Geschichten\Ein spannender Drill
Schon im zarten Alter von vier Jahren erbeutete ich meinen ersten Fisch. In den folgenden 15 bis 20 Jahren sammelte sich viel an Erfahrung an und ich konnte bald mit Recht sagen, dass ich praktisch alle hier heimische Fischarten kannte und wenigstens 1-mal gefangen hatte.

So von mir überzeugt konnte ich die Bitte eines Arbeitskollegen nicht abschlagen, ihn mal zum Fischen mitzunehmen. Da ich ja des Öfteren vom Angeln und diversen Erlebnissen erzählte, wurde er wohl neugierig.

Ich holte ihn also bald danach an einem passenden Samstagnachmittag am ausgemachten Treffpunkt ab und fuhr mit ihm zur Feistritz. Wir machten es uns im Bereich des Tumpfes der "Zentrale" gemütlich und ich hatte die Absicht, da ich ja einen "Azubi" als Begleiter hatte, es auf Barben zu versuchen. Barben sind bei uns recht häufig anzutreffen und auch für einen Anfänger, der einige Regeln befolgt, gut zu fangen. Ich gab meinem Begleiter eine Vollglasrute und los ging's.

Wir fischten mit Käsewürfel und Laufblei, hier die einfachste Methode, und hatten nach etwa zwei Stunden schon einige Kilobarben gefangen und wieder zurückgesetzt (die haben mir einfach zu viele Gräten). Ich fischte schon damals wie heute überwiegend mit angedrückten Widerhaken, da man die Barben mit ihren fleischigen Lippen schon im Wasser vom Haken lösen konnte.

An der leicht zitternden Rutenspitze bemerkte ich, dass wieder einer an dem Köder nuckelte. Es konnte diesmal aber kaum eine Barbe sein sondern eher ein Karpfen, so wie es sich ansah.

Natürlich versäumte ich es nicht meinen Azubi zu erklären wie und warum ich dieses und jenes so und nicht anders machte und woran man merken konnte welcher Fisch gerade am Köder naschte. Da plötzlich wurde meine Rutenspitze zügig nach unten gezogen, nicht so ruckartig wie bei einem Barbenbiss - also ein Karpfen.

Mein Anhieb saß und schon ging die rasante Flucht los. Mal links, mal rechts in schneller Folge quer durch die Strömung. Ich hatte größte Mühe, die Fühlung nicht zu verlieren. Die relativ starke Strömung hier in der Nähe des Turbinenauslaufs tat ein Übriges. Jetzt gewann ich aber, dank meiner Routine, handbreit für handbreit Schnur - den hab ich gleich, dachte ich bei mir. Als ich nur noch wenige Meter zu drillen hatte, sagte ich: "Kescher", mit einem Unterton der keinen Zweifel aufkommen ließ, ich hätte die Sache etwa nicht im Griff. Mein Azubi, der meinen vorbildlichen Drill mit halb offenen Mund staunend beobachtet hatte, reichte mir wortlos meinen Kescher.

Ich ging etwas in die Knie und senkte, in Erwartung des nun gleich auftauchenden Fisches, den Kescher ins Wasser. Keine Sekunde zu früh, denn plötzlich durchbrach ein schwarzes Etwas die Wasseroberfläche und blieb, nur durch die noch gespannte Schnur gehalten, halb im und halb über dem Wasser schweben.

Ich erkannte sofort, dass es sich dabei um ein ordinäres dreimalvermaldeites, halbverfaultes, angesoffenes und knapp einen Meter langes Brett handelte, dass mal Teil eine Gartenbank war und sicher einige Jahrzehnte am Gewässergrund auf mich gewartet hatte. Über dieses verflixte Brett hatte sich genau in der Mitte meine Angelschnur gewickelt, was auch die links/rechts "Fluchten" erklärte (wie Drachensteigen, aber eben unter Wasser).

Ich konnte mich vorerst nicht entscheiden, ob ich lachen oder weinen sollte. Mein Begleiter war hier spontanerer Natur. Ich hörte nur "gluckkh gnnghh" und ähnliches. Auch wenn ich mich schon viele Jahre hier in der Steiermark aufhielt, war mir dieser Dialekt unbekannt. Oder sollte er mich etwa auslachen? Undankbarer Patron!

Aber ich gab mich routiniert und sagte, dass so was eben passieren kann. Außerdem war mein Drill wie aus einem Lehrbuch und ich hoffe, dass er auch was gelernt hatte. Zur Antwort bekam ich zu hören: "kchrch hhh pfffft gnnghh", auch hatte er ganz feuchte Augen und es schüttelte ihn ganz gewaltig. Ich stellte nur fest: grad traurig sah er nicht aus. Die heutige Jugend - keinen Respekt.

Aber das war ja noch nicht alles. Wie aus dem Boden gewachsen stand auf einmal der Aufsichtsfischer hinter uns und fragte, was wir wohl gefangen hatten. Er hatte meinen Drill von der nahen Brücke aus beobachtet, aber eben nur die erste Hälfte. Er konnte daher nicht wissen, was wir tatsächlich aus dem Wasser holten. Wir erzählten es ihm, aber er verzog keine Mine und fragte nur nach, ob wir einen Setzkescher hatten, was wir verneinten. Misstrauisch und humorlos wie er war, suchte er doch tatsächlich die Uferböschung ab, ob wir nicht doch wo einen versteckt hielten.
Überflüssigerweise fragte er mich auch noch nach meiner Anglererlaubnis, gerade mich, wo ich schon einige Jahre als Vollmitglied im selben Verein tätig war. Wortlos zeigte ich meine Karte her und ebenso Wort- und Grußlos packten wir unser Zeug zusammen und kehrten diesem Menschen, der noch immer misstrauisch suchte, den Rücken.

Auf der Heimfahrt kehrten wir ein und versöhnten uns bei einigen Bieren wieder mit der Welt.

Franz P.
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